
Heute steht das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit Behinderung im Zentrum politischen und gesellschaftlichen Handelns. Dieser Punkt, so Dr. Simone Bell-D’Avis, sei ein entscheidender Fortschritt im Vergleich zu vorangegangenen Epochen. „Diese waren gekennzeichnet von Ausgrenzung, Verachtung – im Nationalsozialismus gar von Vernichtung – und später dann im Nachkriegsdeutschland vom Fürsorgegedanken,“ erläutert sie. Nicht die Behinderung sei „das Problem“, sondern die Barrieren, auf die ein Mensch mit Behinderung stößt und die ihm selbstbestimmtes Handeln verwehren.
„Diese Problemverlagerung hat es in sich. In ihr kommt ein Paradigmenwechsel zum Ausdruck: Weg von einer Sichtweise von Behinderung, die das Defizit beim Mensch mit Behinderung sieht und hin zu einer Sichtweise, die eine gesellschaftliche Aufgabe darin sieht, barriere-frei zu werden.“ Für die stellvertretende Referatsleiterin ist klar, dass eine Umwelt nur dann barrierefrei ist, wenn Menschen mit Behinderung volle Teilhabe möglich ist. „Barrieren sind dabei nicht nur fehlende Rampen oder Höranlagen. Barrieren sind vor allem die überkommenen Haltungen in unseren Köpfen. Haben wir den Mitleids- und den Fürsorgegedanken wirklich schon verabschiedet? Nennen wir nicht oftmals etwas nur inklusiv obwohl es allenfalls integrativ ist?“, fragt sie.
Auftrag des Referats „Inklusion-Generationen“ hat sich über die Jahre verändert
Das Referat „Inklusion-Generationen“ im Erzbischöflichen Seelsorgeamt hat den Auftrag die Seelsorge für Menschen mit den unterschiedlichen Behinderungen zu gewährleisten. Auch dieses Ziel hat sich in den letzten 30 Jahren seit Einführung des „Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung“ verändert. Stärker als früher durchziehe die Haltung der Inklusion die Tätigkeiten: „So viel gemeinsam wie möglich, soviel in homogenen, an gemeinsamen Bedürfnissen orientierten Gruppen wie nötig“, sei das Ziel, so Bell-D’Avis.
Um gemeinsame Erfahrungsräume von Menschen mit und ohne Behinderung zu gewährleisten, gibt es bereits seit einigen Jahren den sogenannten „Inklusionsfonds“, der ebenfalls im Referat „Inklusion-Generationen“ verwaltet wird. Seine Gelder dienen der Ermöglichung inklusiver Veranstaltungen, Gottesdienste, Beerdigungen und beispielsweise der inklusiven Kommunion- und Firmvorbereitung.
„Wichtig ist bei den unterschiedlichen Weisen, unseren Glauben gemeinsam zu erfahren, dass wir nicht klammheimlich doch nur integrativ sind: Menschen mit Behinderung können dazukommen. Inklusion ist mehr: Sie geht von unserer völligen Gleichwertigkeit aus, davon, dass es normal ist, verschieden zu sein und wir uns gemeinsam weiterentwickeln. Um als Kirche weiterzukommen, kann inklusives Denken und Handeln ein glaubwürdiger Weg sein“, sagt Dr. Simone Bell-D’Avis.
(cvl)


