Ausbeutung im Urlaubsparadies Sri Lanka

18.02.2025 | Misereor-Fastenaktion will Rechte für Teepflückerinnen erringen

Colombo. Sri Lanka ist ein Urlaubsparadies. Dschungel mit Nashornvögeln und Leoparden, PalmenSandstrände, buddhistische Tempel, Elefanten und Ayurveda Wellness. 2024 kamen zwei Millionen Urlauber auf die wegen ihrer Küstenlinie als Perle des Indischen Ozeans bekannte Tropeninsel.
 
Die Misereor-Fastenaktion richtet jetzt den Blick auf die international kaum wahrgenommene Ausbeutung der Teepflückerinnen und -pflücker im Hochland des Inselinneren. Die bis in die britische Kolonialzeit zurückreichende systematische Entrechtung und Unterdrückung der Arbeiter auf den Teeplantagen dauert bis heute an. "Die Ausbeutung steht beispielhaft für viele andere Weltregionen. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Das Leid und die Ausbeutung der Hochlandtamilen in Sri Lanka können nicht still und ungesehen immer weitergehen", fordert Misereor-Bischof Stephan Burger.

Gemeinsam mit Misereor-Chef Andreas Frick hat er vor Beginn der Fastenaktion 2025 mehrere, auch mit deutschen Spenden finanzierte Entwicklungsprojekte auf den Teeplantagen besucht. Caritas-Mitarbeiterinnen aus Sri Lanka werden in den kommenden Wochen in ganz Deutschland unterwegs sein, um vom Schicksal der rund eine Million marginalisierten Tamilen zu berichten. 

Untergebracht in winzigen Hütten

Nirmala lebt am Rand des Barackendorfs auf der Teeplantage Mount Vernon. Sie trägt einen einfachen rot-violettweißen Sari, einen schlichten Armreif und wirkt älter als ihre 49 Jahre. Gastfreundlich lädt sie die Besucher in ihre winzige Hütte ein. Die oft fensterlosen Reihen-Baracken ("Lineroom-Houses") gehen noch auf die Zeit der britischen Kolonialherrschaft zurück.

Die Briten brachten den Teeanbau in den 1870er Jahren nach Sri Lanka, ins damals und bis 1948 von ihnen beherrschte Ceylon. Ceylon-Tee gilt bis heute als hochgeschätzte Qualitätsmarke - auch in Deutschland. Als Arbeitssklaven verschleppten die britischen Kolonialherren Hunderttausende Tamilen aus Südindien. Zehntausende überlebten den Marsch von der Küste ins Hochland nicht. Die Plantagen wurden mit tamilischen Blut errichtet.

Nirmala zeigt ihr Zuhause: zwei kahle, dunkle Räume. Ein Holzherd, ein Bett, zwei Kühlschränke. Die Familie hat einen kleinen Anbau begonnen, doch jetzt fehlt das Geld. "Wir brauchen pro Monat eigentlich 35.000 Rupien (umgerechnet 115 Euro) zum Überleben, wir haben durch die Arbeit meines Mannes aber nur 20.000 Rupien."

Ohnmächtig vor Schmerzen

Bis vor vier Jahren hat sie in der Teefabrik gearbeitet - für einen Tageslohn von 2,50 Euro. Dann kam sie mit ihrer Hand in das Antriebsband einer großen Maschine, die die frisch geernteten Teeblätter kleinhäckselt. "Seitdem kann ich nicht mehr arbeiten. Die Schmerzen ziehen durch den ganzen Arm und sogar in den Kopf. Manchmal werde ich ohnmächtig vor Schmerzen." Die Verletzung wurde nicht gut versorgt; eine Krankenversicherung hat keiner der Arbeiter.
 
Wenn Nirmala Glück hat, kann sie sich einige Schmerztabletten leisten. Ihr Ehemann Anandamurthi (54) arbeitet weiterhin auf den im Hochland oft sehr steilen und unwegsamen Plantagen. Ohne Schutzkleidung, barfuß und häufig in sengender Hitze. Während der Regenzeit saugen sich Blutegel an Armen und Beinen der Plantagenarbeiter fest. "Das merkst du nicht - manchmal kriechen sie bis ins Ohr hinein", berichtet eine Pflückerin.

Heute hat Anandamurthi 30 Kilogramm Tee gesammelt. Das sind etwa drei, mit jungen Teeblättern gefüllte große Säcke, die er an einem Stirnriemen befestigt auf dem Rücken trägt. "Bezahlt bekomme ich aber nur 20 Kilogramm. Das ist immer so. Wenn wir die zusätzlichen Kilogramm bezahlt haben wollen, gibt es Ärger. Darum fragen wir nicht mehr", berichtet er.

Unter Beobachtung von Aufsehern

Kein Schritt in den Plantagen bleibt unbeobachtet. Aufseher kontrollieren und patrouillieren. Schreien laute Befehle. Sie sind auch für das Wiegen der geernteten Teeblätter verantwortlich. Ob sie den Arbeitern die korrekten Erntemengen gutschreiben, hält niemand nach. Die Plantagenarbeiter sind von ihren Arbeitgebern völlig abhängig. Fast niemand der Hochlandtamilen hat überhaupt eine eigene Postadresse - alles läuft über das Management der Tea-Estates, jener privatwirtschaftlichen Plantagen- und Teekonzerne, die sich den milliardenschweren Teemarkt in Sri Lanka aufgeteilt haben.
 
Die Unternehmen zahlen keine Rente oder Krankenversicherung. Die Wasserversorgung ist vielerorts katastrophal. Kaum jemand hat eine eigene Toilette. Der sri-lankische Menschenrechtler Ruki Fernando beschreibt die Situation der Hochlandtamilen als Leibeigenschaft und moderne Sklaverei. Denn auch das Land und die Hütten der Teeplantagenarbeiter bleiben (fast) immer im Eigentum der Tee-Estates.

Profiteure der Ausbeutung

Zur bitteren Lage der Hochlandtamilen trägt bei, dass die sri-lankische Mehrheitsgesellschaft seit Jahrzehnten nichts für ein Ende der Ausbeutung unternimmt. Die korrupten Eliten, die das Teegeschäft beherrschen und sich Villen und Hotels in den besten Lagen des Hochlands gebaut haben, profitieren von der anhaltenden Deklassierung. Gewisse Hoffnung setzen die Hochlandtamilen nun auf die Ende 2024 neu ins Amt gekommene Regierung, die versprochen hat, gegen Entrechtung und Korruption zu kämpfen.

Anandamurthi will für seine Familie und die ganze Siedlung einen Brunnen graben, weil die von der Plantagenverwaltung bereitgestellte Wasserleitung nur wenige Stunden am Tag tröpfelnd Wasser gibt. "Sie haben uns jetzt zwar erlaubt, den Brunnen zu graben. Aber wir haben nicht genügend Geld für den Bau und die Pumpen." Umgerechnet 600 Euro bräuchte es, um das Dorf mit dem Brunnen verlässlich mit sauberem Trinkwasser zu versorgen, schätzt Anandamurthi. Für die Bevölkerung eine kaum aufzubringende Summe. Staatliche Hilfe gibt es nicht.

Shiron, der Leiter der Teeplantage, gibt sich im Gespräch mit Journalisten entgegenkommend. Er sichert zu, das Wohl der Arbeiter im Blick zu haben. Wirklich konkret wird er nicht. Berichtet stattdessen davon, dass er selbst unter großem Druck der Unternehmensleitung stehe, die Produktionskosten gering und die TeeErträge hochzuhalten. Gleichzeitig habe sein Unternehmen der Caritas Sri Lanka erlaubt, auf "seiner" Plantage Projektarbeit zu starten, sagt der Plantagenmanager.

Registrierung als Staatsbürger

Caritas-Projektmitarbeiter Nicholas erläutert, dass es inzwischen Projekte in mehreren
Plantagen-Siedlungen gibt. "Wir versuchen, die Tamilen zu stärken und sie bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zu unterstützen." Dazu zählt, überhaupt erst einmal eine Registrierung als Staatsbürger zu erreichen. Viele der älteren Arbeiter haben keine offiziellen Dokumente. In Workshops vermitteln die Caritas-Expertinnen auch Infos zu Landwirtschaft und Handwerksfähigkeiten wie Teppichknüpfen oder Seifenherstellung. "Das kann dann ein kleines Zusatzeinkommen und einen Schritt zu mehr Selbstbewusstsein bedeuten", sagt Nicholas.
 
Misereor-Chef Frick zeigte sich vor Ort beeindruckt vom Engagement der Helfer wie vom Mut der ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeiter. "Caritas und Misereor wollen sie auf dem Weg zu einem würdevolleren Leben unterstützen. Mit humanitärer Hilfe, Gesundheitsfürsorge und Bildung. Wir wollen dazu beitragen, dass eine ganze Generation von Menschen neu zu hoffen lernt, dafür fühlen wir uns zuständig."

Mehr Informationen zur Misereor-Fastenaktion finden Sie unter: https://fastenaktion.misereor.de/
 
(Volker Hasenauer/KNA)